Watching You – Palantir, die Daten & Macht
“Wer das Gesamtbild sehen will, darf sich nicht auf die Details fokussieren.” Ray Dalio
Die Dokumentation “Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp” von Klaus Stern ist sehr sehenswert. Sie zeigt ein Unternehmen, das exemplarisch für eine wesentliche Verschiebung steht: Technologie hat sich von einem Werkzeug zu einer Infrastruktur entwickelt, die Entscheidungen prägt.
Wenn Daten zur Grundlage von Entscheidungen werden
Palantir Technologies entwickelt Software zur Analyse großer Datenmengen. Eingesetzt werden die Systeme unter anderem von Geheimdiensten, Militär, Polizei und Behörden. Ziel ist es, Muster zu erkennen, Risiken zu bewerten und Entscheidungen zu unterstützen. Früh finanziert wurde das Unternehmen unter anderem durch einen Venture-Arm der CIA.
Die eigentliche Besonderheit liegt darin, dass Palantir definiert, wie Daten zusammengeführt, gewichtet und sichtbar gemacht werden.
Damit wird Technologie zur Grundlage von Entscheidungen.
Ein Start-Up? Ein politisches Unternehmen?
An der Spitze steht Alex Karp, der sich bewusst politisch positioniert. Während große Teile der Tech-Branche lange mit dem Argument technologischer Neutralität gearbeitet haben, vertritt Karp eine andere Perspektive: Technologie ist immer in gesellschaftliche und geopolitische Kontexte eingebettet.
Er argumentiert, Palantir arbeite im Interesse westlicher Demokratien. Diese Position wirft Fragen auf, denn der Demokratiebegriff wird zumindest unscharf, sobald privatwirtschaftliche Akteure tief in staatliche Entscheidungsprozesse eingebunden sind.
Zur Gründungsgeschichte gehört auch Peter Thiel. In der Doku betont Karp, der übrigens vollen schauspielerischen Einsatz zeigt, um möglichst umgänglich und locker zu wirken, dass er selbst natürlich „links“ sei (“Meine Eltern waren Hippies!!”) und Thiel eben “rechts” (wie praktisch, in Bezug auf die Positionierung hätte man es sich nicht passender ausdenken können), sie verbinde aber ein gemeinsames Verständnis von Technologie als strategischem Instrument. Die Subline - und das Totschlagargument: Schließlich wollen wir die Welt zu einem besseren Ort machen. Zum Wohle aller.
Das Narrativ des technologischen Fortschritts
Dieses vermeintliche Anliegen ist keine Seltenheit in der Tech-Szene. Hinter vielen Technologienternehmen steht ein Fortschrittsverständnis, das tief im Silicon Valley verankert ist: die Überzeugung, dass Innovation gesellschaftlichen Fortschritt automatisch hervorbringt.
Auf ethische, moralische, gemeinschaftliche, ja demokratische Werte und Strukturen könne und solle dabei nicht zwingend Rücksicht genommen werden. Schließlich geht es um etwas Größeres.
Ergänzt wird diese Sicht durch einen radikalen Individualismus, wie ihn die im Valley beliebte Schriftstellerin Ayn Rand in ihren Büchern beschrieben hat.
Drei Elemente formen das Weltbild im Silicon Valley also besonders stark:
Technologischer Fortschritt = gesellschaftlicher Fortschritt
Diese Weltanschauung beinhaltet:
Probleme sind lösbar durch Technologie
Komplexität kann in Daten übersetzt werden
bessere Informationen → bessere Entscheidungen
Innovation ist grundsätzlich positiv
2. Technokratie (wird selten offen ausgesprochen)
Hier ist die Idee: Diejenigen, die Technologie bauen, sollten auch die Welt gestalten, in einer plattformbasierten, privatwirtschaftlichen Technokratie.
Vertrauen in Ingenieure statt Politik
„Move fast“-Mentalität
Skepsis gegenüber Regulierung
Idee, dass Systeme effizienter sind als demokratische Prozesse
3. Radikale Selbstverwirklichung (Ayn Rand)
Die Bücher “Atlas Shrugged” und “The Fountainhead” der Autorin Ayn Rand sind die Inspirationsquellen der Silicon Valley Weltverbesserer, Elon Musk zum Beispiel zitiert mit leuchtenden Augen daraus, genauso Thiel. .
Das Individuum steht über allem
Eigeninteresse ist nicht nur legitim, sondern moralisch
Erfolg ist Ausdruck von Leistung
staatliche Eingriffe sind hinderlich
die „Produktiven“ tragen die Gesellschaft, der Rest ist wertlos
Diese drei Elemente sind in sich konsistent und in Teilen natürlich plausibel. Problematisch ist die Radikalität und Absolutheit.
Höchste Alarmstufe, wenn jemand vorgibt, die Welt verbessern zu wollen
Ein ehemaliger Mitarbeiter von Palantir beschreibt in der Dokumentation eine historische Parallele.
Er verweist auf Wladimir Iljitsch Lenin und dessen Fokus auf Elektrifizierung als Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung. In der frühen Sowjetunion bedeutete der Aufbau eines flächendeckenden Stromnetzes weit mehr als technischen Fortschritt. Elektrizität machte Produktion, Industrie und Infrastruktur zentral steuerbar.
Damit entstand eine neue Form von Kontrolle: Wer die Energie kontrollierte, bestimmte wirtschaftliche Abläufe, Produktionsrhythmen und regionale Entwicklung im Kommunismus.
Die Parallele zur Gegenwart liegt in der Funktion von Infrastruktur. Datenplattformen übernehmen heute eine vergleichbare Rolle. Sie strukturieren Informationen, priorisieren Zusammenhänge und beeinflussen, welche Entscheidungen getroffen werden können.
Technologische Infrastruktur und Macht entwickeln sich dabei im selben System.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Muster. Denn Muster erzählen oft eine ehrlichere Geschichte als die Narrative, die darüber gelegt werden. Sie machen sichtbar, welche Logiken tatsächlich wirken – unabhängig davon, wie ein System beschrieben wird.
Utopien und Dystopien klingen unterschiedlich, folgen jedoch häufig ähnlichen Strukturen. Beide entwerfen ein klares Zielbild und leiten daraus Erwartungen ab, wie sich der Einzelne zu verhalten hat. Orientierung entsteht und mit ihr eine implizite Grenze: zwischen denen, die dazugehören, und denen, die abweichen.
In dem Moment, in dem Abweichung zum Problem wird, beginnt sich etwas zu verschieben. Verhalten wird normiert, Entscheidungen vorstrukturiert, Handlungsspielräume enger gefasst.
So entstehen Systeme, in denen Fortschritt, Ordnung und Kontrolle zunehmend ineinandergreifen.
Sicherheit, Effizienz und politische Realität
Die Systeme von Palantir kommen vor allem in Kontexten zum Einsatz, in denen unter Unsicherheit entschieden wird: Terrorismusbekämpfung, militärische Operationen oder Migrationsanalysen.
In der Dokumentation wird auch Nancy Faeser interviewt, zu diesem Zeitpunkt Bundesministerin des Innern und für Heimat in Deutschland. Ihre Position verdeutlicht eine typische Dynamik: anfängliche Skepsis gegenüber datengetriebenen Systemen, gefolgt von politischer Umsetzung unter (sicherheits)politischem Druck.
Im Jahr 2023 setzte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Grenzen für die automatisierte Datenauswertung bei der Polizei und erklärte Teile der bisherigen Praxis für verfassungswidrig. (Hier geht es zum Urteil)
Geschäftsmodell und Abhängigkeiten
Ein weiterer Aspekt liegt in der wirtschaftlichen Struktur von Palantir.
Das Unternehmen war über viele Jahre defizitär und erreicht erst seit Kurzem in einzelnen Quartalen nachhaltige Profitabilität. Die Zusammenarbeit mit Kunden erfolgt häufig projektbasiert und in enger Integration mit staatlichen und institutionellen Strukturen.
Daraus ergeben sich zwei Effekte:
hohe Markteintrittsbarrieren
langfristige Abhängigkeiten zwischen Anbieter und Institutionen
Technologie wird damit Teil organisationaler und staatlicher Strukturen.
Governance als zentrale Frage
Die Auseinandersetzung mit Palantir verweist auf grundlegende Fragen von Governance:
Wer definiert den Einsatz von Daten?
Welche Standards gelten für Transparenz und Nachvollziehbarkeit?
Wie lassen sich demokratische Prinzipien in datengetriebenen Systemen sichern?
Diese Fragen gewinnen an Bedeutung, während sich entsprechende Technologien weiter verbreiten.
Der „sehende Stein“
In J.R.R. Tolkiens “Herr der Ringe” ist ein Palantir einer der sehenden Steine und funktioniert wie ein Portal: es eröffnet den Blick in die Zukunft und auch an andere Orte. Unbemerkt, die Personen wissen natürlich nicht, dass sie beobachtet werden.
Palantir steht für eine Entwicklung, die weit über ein einzelnes Unternehmen hinausgeht. Datengetriebene Systeme werden zunehmend zum zentralen Bestandteil staatlicher und wirtschaftlicher Entscheidungsprozesse.
Damit verändert sich auch der Blick auf Technologie. Sie ist - wie ich nicht müde werde zu betonen - nicht nur ein Instrument zur Effizienzsteigerung, sondern ein zentraler Faktor in Fragen von Macht, Kontrolle und Governance.
Ein bewusster Umgang mit dieser Entwicklung erfordert mehr als technisches Verständnis. Er verlangt öffentliche Debatten, klare regulatorische Rahmenbedingungen und ein geschärftes Bewusstsein für die politische Dimension von Technologie.