Fragmentierte Zeit führt zu verdichteten Räumen
Wie wirkt sich unser Umgang mit Zeit auf unsere Raumnutzung aus? Und wie beeinflussen Räume unseren Umgang mit Zeit?
An dieser Frage arbeite ich gerade für ein wunderbares Projekt zum Thema “Gesellschaft & Bibliotheken”!
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unser modernes Zeitverständnis als Zustand permanenter Aktivität: Zeit zerfällt in Aufgaben und Impulse, ohne echte Dauer.
👉 Im Alltag zeigt sich das ganz banal:
> Arbeiten zwischen E-Mails, Chats und Calls.
> Lernen mit parallelen Notifications.
> Erholen mit Blick aufs Handy.
> Denken mit dem ständigen Gefühl: „Danach muss ich noch …“
Zeit fühlt sich dadurch nicht nur knapp an, sondern zerhackt.
Was fehlt, ist der Rhythmus: Arbeiten → Pause → Übergang (!) → anderes Tun.
Raumsoziologisch lässt sich das weiterdenken: Wenn Zeit keine Unterbrechungen mehr kennt, verlieren auch Räume ihre entlastende Funktion. Sie strukturieren nicht mehr, sondern bündeln Anforderungen und verstärken so das Gefühl permanenter Anspannung. Sie laufen Gefahr, zu multifunktionalen Dauerarbeitsflächen zu werden.
Zugleich verstärken genau diese Räume das fragmentierte Zeiterleben: Wo alles jederzeit möglich ist, gibt es keinen Anlass mehr für Pause oder Wechsel. Zeit und Raum geraten in eine gegenseitige Verstärkung permanenter Anspannung.
Fragen, die Sie sich in beruflichen wie privaten Räumen stellen können:
Welche Räume im Alltag entlasten wirklich? Welche bündeln eher noch mehr Anforderungen?
*vgl. Han: Duft der Zeit (2009)